Assistiertes Wohnen an den „Rennwiesen“ will Menschen mit Handicap Unabhängigkeit und Sicherheit ohne Pflegepflicht bieten.

URBERACH- An den „Rennwiesen“entsteht ein viergeschossiger Wohnkomplex, der auf die Bedürfnisse von mobil eingeschränkten Menschen jeden Alters zugeschnitten ist.  Assistiertes Wohnen heißt das Konzept, das unterhalb des klassischen betreuten Wohnens angesiedelt ist.

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An der Ecke von Carl-Benz und Erich-Kästner-Straße bauen Jessica Köhler und Beate Höller 28 Mietwohnungen, mit denen ihr Unternehmen, die Firma Liberty in Dreieich, eine Marktlücke (er)-schließen will. Spätestens im August wird die Grube ausgehoben. Das aus zwei Flügeln bestehende Gebäude ist barrierefrei und rollstuhlgerecht und wird unter dem Stichwort assistiertes Wohnen vermarktet. Dieses Konzept soll Mietern einerseits maximale Individualität und Unabhängigkeit, andererseits aber Sicherheit und Service unterhalb der Pflege bieten. Zielgruppe sind mobil eingeschränkte Menschen jeden Alters. Als Beispiel nennt Jessica Köhler Familien mit einem Kind im Rollstuhl, MS-Kranke, Parkinson- und Schlaganfall-Patienten, Unfallopfer mit einer Gehbehinderung, ältere Paare oder Singles, die noch selbstständig sind, aber schon an die Zeit danach denken.

Die zwischen 75 und 130 Quadratmeter großen Wohnungen verteilen sich über vier Etagen, sind schwellenfrei über einen Aufzug zu erreichen und stecken voll behindertengerechter Technik: elektronische Türöffner, Küchen mit unterfahrbaren und höhenverstellbaren Arbeitsplatten, große Balkone, Hausnotruf und Lichtleisten im Sockel wie man sie aus Flugzeugen kennt. Ein Hausassistent ist Ansprechpartner für Mieter und Angehörige. Er wird auch vom Notrufsystem verständigt, wenn in einer Wohnung bis 12 Uhr noch kein Wasser gelaufen ist und Grund zur Sorge besteht. Ein Gütesiegel der Polizei steht für besonders sichere Türen und Fenster.

„Solche Wohnungen gibt es bisher nur mit verpflichtender Pflege“, erläutert Beate Höller den Unterschied zwischen betreutem und assistierten Wohnen. Wer einen Pflegedienst benötigt, kann einen seiner Wahl beauftragen. Einige Wohnungen haben ein integriertes Pflegerzimmer. Auch ein voll möbliertes Boardinghaus für die Übergangszeit gehört zum Konzept.

Lebensqualität auf höchstem Niveau verspricht Liberty seinen Mietern. Das hat natürlich seinen Preis: Eine 75-Quadratmeter-Wohnung kostet monatlich 1125 Euro kalt inklusive Parkplatz und Assistent. Das entspricht einer Quadratmetermiete von 15 Euro. Individuelle Extras können die Mieter zusätzlich buchen: Sie können die Sicherheitstechnik mit Bewegungs- und Überflutungssensoren, Herdabschaltung oder „Bett belegt“-Sensoren aufwerten oder sich Blutdruck- oder Blutzucker-Messgeräte in die Wohnungen bringen lassen.

Der Neubau in Urberach hat für die Liberty-Geschäftsführerinnen Pilotcharakter und könnte zum Vorbild für andere Assistiertes Wohnen-Projekte werden.

Ein wenig Phantasie ist noch nötig, um sich vorzustellen, dass auf dem mit hohem Gras bewachsenen Grundstück am Ortsrand von Rödermark-Urberach im Landkreis Offenbach bis Spätsommer 2018 ein neues Gebäude stehen wird, das „im Bereich bedarfsorientierter Wohnraumkonzepte neue Standards“ setzten möchte. Das Unternehmen heißt „Liberty – Wohnen ohne Grenzen“. Ein Name, der den Anspruch der Geschäftsführerinnen Beate Höller und Jessica Köhler deutlich macht. „Für uns ist das Assistierte Wohnen eine Art Pilotprojekt“, betont Beate Höller. Die Betriebswirtin hat lange im Bereich Projektentwicklung von Altenpflegeheimen, Krankenhäusern und großen Wohnbauprojekten gearbeitet. Ihre Erfahrungen fließen jetzt in die, mit Freundin Jessica Köhler gegründete Firma ein. „Mit unserem Konzept wollen wir eine neue Form von barrierefreiem, rollstuhlgerechten Wohnungen für mobil eingeschränkte Menschen jeden Alters schaffen“, so Höller.

Ihre Zielgruppe sind Familien, Paare oder Wohngemeinschaften mit mobil eingeschränkten Mitgliedern oder Rollstuhlfahrern, ältere Alleinstehende mit Handicaps und vor allem MS-, Parkinson- oder Schlaganfall-Patienten mit ihren Partnern oder Familien. „Wir grenzen uns klar von betreutem Wohnen ab. Wir wollen Menschen ein Zuhause bieten, die zwar ein Handicap haben, aber nicht unbedingt pflegebedürftig sind und selbstständig leben möchten – in einem entsprechend angepassten Umfeld“, unterstreicht Jessica Köhler.

28 Wohnungen zwischen 75 und 130 Quadratmeter groß entstehen in dem Neubau in Rödermark-Urberach: 22 Mietwohnungen und sechs Boarding-Apartments. Um jedes noch so winzige Detail haben sich die Unternehmerinnen Gedanken gemacht, damit sich Rollstuhlfahrer in ihrem Zuhause bewegen und aufhalten können. Dafür haben sie Fachmessen besucht oder sich Handwerker gesucht, die ihnen notwendiges Inventar entsprechend ihrer Vorstellung angefertigt haben. Das fängt schon an der Haustür an, die sich – wie die Wohnungstür – elektronisch per Knopfdruck öffnen lässt. Auch sind alle Wohnungen standardmäßig mit einer Videosprechanlage ausgestattet. Das Gebäude soll zudem das Gütesiegel der Polizei für „besondere Sicherheit“ erhalten. Die Wohnräume, die extragroßen Balkone, Badezimmer und Küchen orientieren sich am Aktionsradius und Bedarf von Rollstuhlfahrern. Auch die sonst so lästige Schwelle an der Balkontür fällt weg. In der Küche sind Herd und Arbeitsflächen elektronisch höhenverstellbar. Zudem verfügen die Wohnungen über eine technische und eine persönliche Assistenz. Die technische Assistenz ist ein Hausnotrufsystem, das in der Lage ist, ein Notruf abzusetzen, auch wenn dieser nicht aktiv betätigt wird. Die persönliche Assistenz ist eine Person, die tagsüber im Gebäude ist und bei allen kleineren und größeren Problemen des Alltags gerne helfend zur Seite steht.

Die Arbeiten begannen Ende August. Im Spätsommer 2018 soll das Haus fertig sein. Mietinteressenten können sich ab sofort melden. Der Quadratmeterpreis inklusive Ausstattung beträgt 15 Euro. Weitere Informationen, auch zum Thema Assistenz und Pflegedienst: telefonisch: 06103/5092672, Email: info@liberty-wohnen.de, www.liberty-wohnen.de.

Sonja Thelen